Digitalisierung in der Landwirtschaft - Digitales Bürgernetz

Smart Farming: „Die Landwirtschaft ist heute schon ein Hochtechnologiesektor“

#Arbeit 20. Januar 2023

Peter R. Müller ist Geschäftsführer der Bayer Crop Science Deutschland GmbH, die integrierte digitale Lösungen für die Landwirtschaft entwickelt. © Bayer Crop Science Deutschland GmbH

In der Agrarbranche spielen digitale Lösungen eine immer wichtigere Rolle. Peter R. Müller spricht im Interview über den Stand der Dinge und die Zukunftsperspektiven der digitalen Landwirtschaft.

Herr Müller, Sie sind seit über 30 Jahren in der Agrarsparte von Bayer tätig. Wie hat sich die Landwirtschaft im Zuge der Digitalisierung verändert?

Da haben sich große Umbrüche vollzogen, die rückblickend – auch wenn alles langsam begann – rasant vonstatten gegangen sind. GPS-gesteuerte Landmaschinen, die dafür sorgen, dass Saatgut, Dünger und Pflanzenschutzmittel akkurat und ohne Überlappung ausgebracht werden, gehören heute zum Standard. Weil es wichtig ist, jegliche Ressourcen sparsam einzusetzen, und auch wir das Ziel verfolgen, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln so weit wie möglich zu reduzieren, arbeiten wir daran, diese Systeme weiter zu verfeinern. Dabei geht es darum, dass nur noch dort, wo tatsächlich ein Befall mit Unkräutern oder Schädlingen stattfindet, Pflanzenschutzmittel angewendet und dass Ressourcen wie Saatgut und Dünger nicht verschwendet werden. Das schont die Umwelt und lässt Landwirte wirtschaftlicher arbeiten.

 

Wie hilft die Digitalisierung dabei, landwirtschaftliche Daten zu erfassen?

Da gibt es mehrere Möglichkeiten. Unsere Lösung Climate FieldView greift beispielsweise auf Satellitendaten zurück, mit denen der Landwirt seine Felder genau analysieren kann. Das Programm kann beispielsweise auch die Bodenbeschaffenheit beurteilen und dann automatisch die Sämaschine so steuern, dass genau die Menge an Saatgut ausgebracht wird, die in dem jeweiligen Bereich nötig ist, um gute Erträge zu erzielen.

Ein Tablet mit Daten wird auf einer Wiese betrachtet.
Anhand von Satellitendaten können Landwirte ihre Felder digital kartieren. © Bayer Crop Science Deutschland GmbH

Immer häufiger kommen auch Drohnen zum Einsatz. Doch es geht auch mit weniger Aufwand: Ganz neu ist unsere digitale Gelbschale für Raps. Eine hochauflösende Kamera fotografiert in regelmäßigen Abständen den Inhalt dieser Insektenfalle und wertet die Bilder automatisch aus. Die Ergebnisse werden dem Landwirt in einer dazugehörigen App auf dem Smartphone bereitgestellt. Früher musste der Rapsbauer regelmäßig seine gesamten Bestände abfahren, um den Rapserdfloh, der dafür bekannt ist, ganze Felder kahl zu fressen, zu sichten. Jetzt wertet unsere App die in der Falle befindlichen Schädlinge aus und meldet sofort, wenn es Zeit ist zu handeln. Das spart sehr viel Zeit und Sprit. Die Lösung findet großen Zuspruch unter unseren Kunden.

Eine ähnliche App haben wir für Unkräuter entwickelt. Sie identifiziert sie, analysiert das Problem und gibt Handlungs- und Produktempfehlungen – übrigens nicht nur zu unseren eigenen Produkten. Damit sich solche Lösungen durchsetzen, müssen sie offen sein. Wir beschränken sie daher nicht auf unser eigenes Portfolio.

Eine Kamera sendet automatisch Bilder der Gelbschale an den Landwirt, der so den Schädlingsbefall auf seinen Feldern frühzeitig erkennt. © Bayer Crop Science Deutschland GmbH

Wie werden sich diese Lösungen in Zukunft weiterentwickeln?

Der nächste Schritt wäre, die Landwirte über Plattformen zu vernetzen, sodass ich beispielsweise schon informiert werde, wenn ein bestimmter Schädling in der Nachbarschaft angekommen ist. Der Landwirt wäre optimal vorbereitet und könnte dank des frühen Zeitpunkts der Behandlung unter Umständen chemische Pflanzenschutzmittel durch biologische Alternativen ersetzen. Wir befürworten den Einsatz von Biologika, doch ihre Wirksamkeit hängt stark davon ab, dass sie so früh wie möglich angewendet werden. Mit einer solchen vernetzten Lösung könnten sie stärker zum Einsatz kommen.

Viel Potenzial sehe ich auch in der Zusammenarbeit mit Landmaschinenherstellern, um mit moderner Sensorik den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren. Mit einer solchen Technologie könnten die Sensoren der Feldspritze genau sagen, an welcher Stelle in welcher Dosis Pflanzenschutzmittel nötig sind. Daran arbeiten wir aktuell.

Welche Hürden müssen überwunden werden, damit sich diese Innovationen auch durchsetzen können?

Zunächst muss die digitale Infrastruktur im ländlichen Raum stärker ausgebaut werden. Beim Glasfaserausbau sind wir noch lange nicht da, wo wir hinwollen. Auch die Aussage, dass man nicht an jeder Milchkanne 5G brauche, ist falsch. Genau das Gegenteil ist der Fall. Gerade der ländliche Raum darf nicht vernachlässigt werden, und der Staat muss die privaten Anbieter dazu befähigen, hier zu investieren.

Darüber hinaus hoffen wir, dass die Politik zur Umsetzung von mehr Nachhaltigkeit weniger auf Vorschriften und Verbote setzt, sondern mehr auf Innovationen, die Nachhaltigkeitsziele häufig besser erreichen können. Die Landwirtschaft ist heute schon ein Hochtechnologiesektor, und es gibt unter den Landwirten viele mutige Unternehmer, die bereit sind, in innovative Technologien zu investieren – auch um die Umweltauswirkungen der Landwirtschaft zu reduzieren und aktiv zum Erhalt der Biodiversität beizutragen. Die Politik darf Ziele vorgeben und den Rahmen abstecken, aber dann sollte sie zurücktreten und Wirtschaft und Technik stärker vertrauen.

Fassen Sie bitte den Nutzen, den die Landwirtschaft aus der fortschreitenden Digitalisierung zieht, für uns zusammen.

Die Digitalisierung ermöglicht uns eine moderne, nachhaltige Landwirtschaft. Und genau das ist unsere Vision. Nachhaltigkeit bezieht sich dabei für uns nicht nur auf Umweltschutz, Klimawandel und Artenvielfalt. Es bedeutet auch, dass der ländliche Raum als Wirtschaftraum erhalten bleibt und die Landwirtschaft als ein Sektor, in dem Unternehmertum floriert und Menschen gesicherte Einnahmequellen finden, weiterbestehen kann. Mit digitalen Lösungen sorgen wir dafür, dass Landwirte Ressourcen sparen, die Umwelt schützen und gleichzeitig die Erträge zur Ernährung einer wachsenden Bevölkerung auf unserer Erde sichern können.

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