Studie: Vom Bleiben und der Rückkehr aufs Land - Digitales Bürgernetz

Studie: In Hessen ist der Trend zum Landleben besonders stark

#Gemeinschaft 17. Oktober 2023

Immer mehr Menschen zieht es aufs Land – ein Trend, der sich auch für Hessen bestätigen lässt. © Karsten Wurth/unsplash

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Das Landleben wird auch in Hessen immer beliebter. Die Wanderungsbewegung vor allem junger Familien übertrifft sogar den bundesweiten Trend, zeigt die Studie „Vom Bleiben und der Rückkehr aufs Land – Wie sich das Wanderungsgeschehen in Hessen gewandelt hat“. Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat die Untersuchung im Auftrag der Hessischen Staatskanzlei durchgeführt und im Mai 2023 veröffentlicht. Verglichen wurde der Wanderungssaldo in den Zeiträumen 2019 bis 2021 und 2009 bis 2011.

Hessische Großstädte verlieren Einwohnerinnen und Einwohner ans Umland

„Der Trend zur Stadt-Land-Wanderung lässt sich in ganz Deutschland erkennen“, sagt Catherina Hinz, Direktorin am Berlin-Institut. „Unsere Analyse zur Wanderungsstatistik in Hessen zeigt nun deutlich, dass sich hier besonders viele Menschen für ein Leben auf dem Land entscheiden.“ Tatsächlich zogen zwischen 2019 und 2021 in fast drei Viertel der Hessischen Landgemeinden mehr Menschen zu als fort. Vier der fünf Großstädte Offenbach, Wiesbaden, Frankfurt, Darmstadt sowie Kassel, die zehn Jahre zuvor noch einen starken innerdeutschen Zuzug erlebten, verloren dagegen in den vergangenen Jahren durch Wegzüge innerhalb Deutschlands – durchschnittlich 0,7 Personen auf tausend Einwohnerinnen und Einwohner pro Jahr. Einzig Offenbach hatte im Untersuchungszeitraum noch einen positiven innerdeutschen Wanderungssaldo.

Wohin ziehen die Menschen aus den Städten um? Die Studie hat sich beispielsweise die Metropolregion Frankfurt genauer angeschaut und stellt fest: „Aus Frankfurt wandern viele Menschen in die Nachbarkreise ab. [Die Stadt] hat im Jahr 2021 die meisten Umziehenden an Nachbarkreise wie den Hochtaunuskreis, den Main-Taunus-Kreis oder den Wetteraukreis verloren. Die Metropole am Main verzeichnete aber auch Wanderungsverluste gegenüber weiter entfernten Kreisen wie Limburg-Weilburg oder Darmstadt-Dieburg.“

Attraktiv sind die Großstädte nach wie vor für Menschen, die aus dem Ausland nach Hessen ziehen: Der Außenwanderungssaldo der fünf genannten hessischen Großstädte lag in den Jahren 2019 bis 2021 bei

3,8 Personen pro tausend Einwohnerinnen und Einwohner. Insgesamt wächst die Bevölkerung in den Großstädten also weiterhin.

Frau, Mann und Baby stehen in einem Zimmer vor Umzugskartons.
Vor allem Familien wechseln innerhalb Deutschlands von der Stadt in ländliche Gebiete. ©pixdeluxe/gettyimages

Das Land wird attraktiver für Familien und junge Menschen

Zu den Gruppen, die es verstärkt aufs Land zieht, gehören wie in ganz Deutschland auch in Hessen Familien und junge Erwachsene. Die einen finden hier bezahlbares Wohneigentum und ausreichend Platz. Die anderen zogen in den Jahren zwischen 2019 und 2021 seltener aus ländlichen Regionen weg. „Der Trend, dass kleinere Gemeinden Hessens neue Landbewohnerinnen und -bewohner anzogen, hat sich schon 2018 abgezeichnet – die Coronapandemie hat diese Entwicklung dann noch verstärkt,“ erklärt Thomas Nice, Studienautor und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Berlin-Institut.

Die Gemeinde Wesertal im nördlichen Hessen steht sinnbildlich für diese Trendumkehr: Deren Bürgerinnen und Bürger hatten noch 2018 für eine Zusammenlegung der zwei Gemeinden Oberweser und Wahlsburg gestimmt. Der Grund: Durch den demographischen Wandel und die schrumpfende Bevölkerungszahl waren die Steuereinnahmen gesunken. Die Verwaltung musste Kosten sparen. Mittlerweile scheint der Bevölkerungsrückgang gebremst – weil Familien das Land neu entdecken.

Die Studie betont die positiven Aspekte dieser Entwicklung für die ländlichen Regionen: „Die Zugezogenen sind vor allem junge Familien. Sie können sich in lokalen Vereinen einbringen, die Nachfrage im Einzelhandel vor Ort beleben und ihre Kinder in die örtlichen Schulen

schicken. Vielerorts haben die Landlustigen auch kreative Geschäftsideen und Konzepte zur Gestaltung der Lebensqualität vor Ort im Gepäck.“

Demographischer Wandel lässt ländliche Gemeinden weiter altern und schrumpfen

Der Zuzug junger Familien und anderer Menschen aus der Stadt kann einen weit älteren Trend auf dem Land zwar abmildern, aber nicht aufhalten: das steigende Durchschnittsalter der Bevölkerung und mehr Sterbefälle als Geburten. Von den 344 hessischen Kommunen, die zwischen 2019 und 2021 im Schnitt Wanderungsgewinne verzeichneten, ist deswegen mehr als jede Dritte geschrumpft.

Als Beispiel nennt die Studie Herleshausen an der Grenze zu Thüringen: Zwar gewann die Gemeinde mit rund 2.700 Einwohnerinnen und Einwohnern von 2019 bis 2021 insgesamt 102 Personen durch Zuzüge hinzu. Im gleichen Zeitraum kamen jedoch auf jede Geburt in Herleshausen mehr als drei Sterbefälle. „Die Bevölkerungszahl sinkt so aufgrund des sehr hohen Sterbeüberschusses trotz Zuzug. Gleichzeitig nahm das Durchschnittsalter der Bevölkerung weiter zu und lag 2021 bei 48,7 Jahren – vier Jahre über dem bundesweiten Schnitt.“

Umso bedeutender ist der Umzug gerade junger Familien aufs Land, mit dem die Studie die Hoffnung auf die Verjüngung der Gemeinden verbindet: „Die neuen Landlustigen Hessens sind im Schnitt jünger als die Alteingesessenen in den ländlichen Dörfern und Kleinstädten. Die aktuellen Wanderungsgewinne können also die Alterung vieler ländlicher Regionen verlangsamen, die besonders vom demografischen Wandel betroffen sind. […] Der Zuzug von vorwiegend jüngeren Familien bringt nicht nur Kaufkraft, sondern auch neue Ideen und (soziale) Innovationen in ländliche Kommunen.“

Berlin-Institut untersucht Wanderungsgeschehen in Hessen

Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung ist ein unabhängiger Thinktank, der sich mit Fragen regionaler und globaler demografischer Veränderungen beschäftigt.

In der Studie „Vom Bleiben und der Rückkehr aufs Land – Wie sich das Wanderungsgeschehen in Hessen gewandelt hat“ konzentriert sich das Institut auf Hessen – und bestätigt, dass Menschen verstärkt innerhalb Deutschlands von der Stadt aufs Land ziehen. Im Jahr zuvor hatte die Studie „Landlust neu vermessen“ (Digitales Bürgernetz berichtete) diesen bundesweiten Trend bereits belegt.

Die vollständige Studie steht zum Download bereit.

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