Kommunales Coworken im ländlichen Schleswig-Holstein - Digitales Bürgernetz

In the Gettwork: Arbeiten und Leben in Gemeinschaft

#Arbeit 31. März 2022

So fing alles an: 2018 machte der Container von CoWorkLand Station in Gettorf. © CoWorkLand

Am Anfang war der Container. Im Frühsommer 2018 stand ein zu einem mobilen Pop-Up-Coworking-Space umgebautes Exemplar für vier Wochen auf dem Karl-Kolbe-Platz im Herzen von Gettorf. Damals machte die Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein im Rahmen ihres Projekts CoWorkLand mit einer „PopUpCoWorking-Tour“ Werbung für die Idee des Coworkings in den ländlichen Räumen der KielRegion, also den an die Landeshauptstadt angrenzenden Landkreisen Plön und Rendsburg-Eckernförde. Hier liegt auch die 8.000-Einwohner-Gemeinde Gettorf.

Probezeit fürs Coworking

Der stählerne Kasten und eine Vielzahl von Veranstaltungen mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus der örtlichen Politik, Verwaltung und Wirtschaft stießen in der Pilotphase auf reges Interesse. „Damals war das Thema ‚Coworking‘ gerade im ländlichen Raum noch nicht so bekannt und verbreitet. Aber relativ schnell war eine gewisse Begeisterung zu spüren“, erinnert sich Ulrike Münzberg-Niemann, Gettorfs Referentin für Standortmarketing und Wirtschaftsförderung. „Als der Container wieder weg war, haben wir als Gemeinde das Thema weiterverfolgt und geschaut, ob und wie das auch bei uns funktionieren kann – erst einmal unabhängig von der Frage, wer so einen Space denn betreiben könnte.“ Im Februar 2019 stellte die Heinrich-Böll-Stiftung dann die Ergebnisse der Aktion vor und sprach eine klare Empfehlung aus. Gettorf sei ein guter Standort für einen Coworking-Space – aus verschiedenen Gründen: In der Gemeinde sind einige zentrale Einrichtungen für die  umliegenden Gemeinden angesiedelt. Im Ortskern gibt es ein gutes Angebot an Handel und Gastronomie. Die Größe lässt hinreichende Nachfrage nach einem solchen Angebot erwarten. Und auch die Infrastruktur ist ein Faktor, insbesondere die Lage an der Eisenbahnstrecke Kiel-Flensburg, die im Halbstundentakt bedient wird. Zudem ist Gettorf etwa 15 Kilometer vom Mittelzentrum Eckernförde und von der Landeshauptstadt Kiel entfernt. Ein geradezu klassischer Pendlerstandort.

Ulrike Münzberg-Niemann © Gettwork Gettorf

„Wenn Menschen nicht mehr in die Stadt zur Arbeit pendeln, ist natürlich auch mehr Leben im Ort.”

Ulrike Münzberg-Niemann

„Mehr als ein Arbeitsplatz zum Mieten“

Ulrike Münzberg-Niemann ergänzt weitere Vorteile, die sie im Coworking-Space im Ort damals gesehen hat – aus Sicht der Kommune im Allgemeinen und der kommunalen Wirtschaftsförderung im Speziellen: „Da geht es ja um viel mehr, als den Leuten einen Raum zum Arbeiten, einen Arbeitsplatz, zu vermieten. Unser Ziel war es von Anfang an, Menschen zusammenzubringen, einen Ort der Vernetzung zu schaffen und so auch die örtlichen Gründungsaktivitäten zu stimulieren.“ Ein Coworking-Space nutze zudem nicht nur den Menschen, die in ihm arbeiten, sondern der gesamten Gemeinde: „Wenn Menschen nicht mehr in die Stadt zur Arbeit pendeln, ist natürlich auch mehr Leben im Ort. Das bedeutet neben den positiven sozialen Auswirkungen auch, dass die Kaufkraft hier bleibt. Und mehr noch: Es werden neue Menschen in den Ort geholt. So kann ein Coworking-Space zu mehr Leben und Lebensqualität beitragen und die Attraktivität einer Kommune steigern, auch für Unternehmen oder potenzielle Zuzügler. Und schließlich hat Coworking einen ökologischen Effekt: Weniger Pendeln bedeutet auch weniger CO2-Emissionen. Das passt gut zum Bekenntnis der Gemeinde Gettorf zum Schutz von Umwelt und Klima.“

Ein Tisch mit Stühlen steht in einem Büroraum, im Hintergrund sind weitere Arbeitsplätze zu sehen.
Blick in den Coworking-Space © Gettwork Gettorf

Gettorf macht es selbst

Aus der Idee wurde ein Konzept. Ulrike Münzberg-Niemann erinnert sich: „So haben wir die Dinge weiter vorangetrieben und das Thema Coworking in die politischen Gremien eingebracht. Das Resultat: Die Politik hat uns als Verwaltung und insbesondere mich beauftragt, ein Betriebskonzept zu entwickeln“, schildert sie den weiteren Gang der Dinge. „Zu klären waren vor allem drei wesentliche Fragen: Wer soll das betreiben? Was kostet das? Und wo kann der Space entstehen?“ Unterstützung bei den Planungen gab es von der mittlerweile aus dem Stiftungsprojekt heraus gegründeten CoWorkLand-Genossenschaft. Zudem brachte sich die im nahen Altenholz beheimatete Dataport AöR mit technischer Unterstützung und als Ankermieter in den Coworking-Space ein. Dataport ist IT-Dienstleister für die öffentliche Verwaltung der vier Bundesländer Hamburg, Schleswig-Holstein, Bremen und Sachsen-Anhalt sowie für die Steuerverwaltungen in Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen.

Leben und Zusammenleben in der Gemeinde

Schließlich entschloss sich die Gemeinde, den Coworking-Space selbst einzurichten und zu betreiben. Die Mittel wurden 2020 in den Haushalt eingestellt, geeignete Räume mit insgesamt rund 300 Quadratmetern Fläche angemietet und für die künftige Nutzung ausgestattet. Im Oktober 2020, also mitten in der COVID19-Pandemie, öffnete dann in unmittelbarer Nähe zum Ortskern und Bahnhof das Gettwork als erster kommunaler Coworking-Space in Norddeutschland. 2021 folgte der Glasfaseranschluss. Eineinhalb Jahre später zieht Ulrike Münzberg-Niemann – die ihren Arbeitsplatz ebenfalls in den Space verlegt hat – eine positive Zwischenbilanz: „Das Gettwork wird gut angenommen und reichlich frequentiert. Die Nutzerinnen und Nutzer kommen nicht alle aus Gettorf selbst. Wir haben einen Einzugsbereich von etwa 15 oder 20 Kilometern und eine vielfältige Community, was die Altersstruktur und den beruflichen Hintergrund anbelangt, darunter Angestellte, Selbständige und Freiberufler. Manche sind auch auf der Durchreise. Wir hatten zum Beispiel schon Norweger hier, die auf der Durchreise kurzfristig einen Tagungsraum brauchten.“ Überhaupt ist der Besprechungsraum des Gettwork für viele attraktiv: „Der wird nicht nur zum Arbeiten angemietet und genutzt. Auch unsere örtlichen Vereine und Verbände sind hier regelmäßig zu Gast, etwa für ihre Vorstandssitzungen. Für die sind wir, denke ich, vielfach ein neutraler und professioneller Ort, gut zu erreichen und mit einer niedrigen Hemmschwelle, weil die Buchung bei uns unkompliziert und flexibel ist.“ Das Gettwork hat sich also rasch zu einem bekannten und beliebten Treffpunkt im Ort entwickelt. Der soll und wird allerdings, anders als etwa Dorfgemeinschaftshäuser, seinen professionellen Charakter behalten: „Es gab schon Anfragen, ob man im Gettwork vielleicht Familienfeiern abhalten kann. Aber das machen wir nicht. So sehr ich mich freue, dass wir so beliebt im Ort sind – dafür gibt es andere Lokalitäten.“


Hier erfahren Sie mehr über das Gettwork Gettorf. Aktuelle Infos bietet das Instagram-Profil.

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