CoLabora: Coworking im ländlichen Europa - Digitales Bürgernetz

CoLabora: Ideen für Coworking im ländlichen Europa

#Arbeit 12. Mai 2022

Gemeinsam arbeiten im ländlichen Europa: Der Leitfaden von CoLabora enthält dafür viele nützliche Tipps. © CoLabora

Röcknitz ist eine kleine Ortschaft in Sachsen mit etwa 750 Einwohnerinnen und Einwohnern. Sie ist idyllisch gelegen in einer Landschaft, die bekannt ist für ihre besonderen geologischen Formationen – ein Erbe des Supervulkanismus. Von Leipzig ist Röcknitz mit der Regionalbahn und dem Bus in 40 Minuten zu erreichen. In den kommenden Jahren wird der ehemalige Rennpferdestall am Herrenhaus Röcknitz, einem Wasserschlossbau aus dem 15. Jahrhundert, zum Coworking-Space umgebaut. Kreative Köpfe sollen dort ihre Laptops aufschlagen und mobil arbeiten. Das Besondere: Übernachtungsmöglichkeiten, ein barrierefreies Selbstbedienungscafé und eine Ausstellung über Supervulkane entstehen gleich mit. Dafür fließen 4,1 Millionen Euro aus Mitteln des Investitionsgesetzes Kohleregion in die Gemeinde. Insgesamt stellt der Bund für die betroffenen Länder in diesem Rahmen 40 Milliarden Euro bereit, um aus der Kohle auszusteigen. Was derzeit noch eine Vision in Röcknitz ist, lässt sich ab dem 1. Juli 2022 auch direkt ausprobieren. Im Herrenhaus, das zurzeit als Veranstaltungsort und für Ausstellungen genutzt wird, eröffnet dann für drei Monate ein Pop-up-Coworking-Space. Die Weichen dafür hat CoLabora gestellt: Im Rahmen des europäischen LEADER-Projekts sind in der Region um Leipzig Konzepte entstanden, wie sich leerstehende Gebäude für Coworking nutzen lassen.

Vor zwei älteren Gebäuden mit brüchiger Fassade steht eine kleine Menschengruppe auf einer Kiesfläche.
Im Leipziger Muldenland wird aus Leerstand Zukunft:. Im Sommer 2022 entstehen in Kooperation mit CoWorkLand sieben Pop-up-Coworking-Spaces in der Region. Hier wird ein potenzieller Standort besichtigt. © LAG Leipziger Muldenland.

Leitfaden für ländliches Coworking

Sieben Lokale Aktionsgruppen (LAG) aus Wales, Irland, Spanien, Lettland, Deutschland und Frankreich schlossen sich für das Projekt CoLabora 2018 zusammen, um sich darüber auszutauschen, wie Coworking die Lebensqualität im ländlichen Raum verbessern kann und wie junge Menschen zum Bleiben oder zum Zuzug aus der Stadt bewegt werden können. Anfang 2022 wurde CoLabora abgeschlossen. Aus Deutschland nimmt die LEADER-Region Leipziger Muldenland daran teil. In den zurückliegenden Jahren wurden gemeinsam gute Beispiele gesammelt, ein Netzwerk von Coworking-Spaces aufgebaut und ein Leitfaden für ländliches Coworking entwickelt. Dieser enthält Tipps für Organisationen, Initiativen oder Einzelpersonen, die einen Coworking-Space auf dem Land aufbauen und betreiben wollen. Bevor sie solch ein Projekt starten, sollten sie zum Beispiel klären, ob sie damit Geld verdienen oder etwas für die örtliche Gemeinschaft tun wollen. Genauso wichtig ist, sich die Gemeinde oder die Region vorher genau anschauen. „Was wird gebraucht? Was wollen die Menschen? Was akzeptieren sie? Man kann nicht einfach in ein Dorf gehen, einen Coworking-Space aufbauen und hoffen, dass es läuft. Denn die Bevölkerung, die Verwaltung, die Bürgermeisterin oder der Bürgermeister müssen dahinterstehen. Man darf da nicht als Ufo irgendwo landen“, sagt Kay Schmölter, Mitarbeiter im Regionalmanagement bei der LAG Leipziger Muldenland e.V.

Das Konzept muss zum Ort passen

In allen Regionen, die am Projekt CoLabora teilnehmen, zeigt sich, dass so ein gemeinsames Büro nicht einfach am Reißbrett geplant werden kann. „Das Konzept muss zum Ort und zu den Menschen passen. Gerade auf dem Land hat Coworking viele Facetten: als Dorfzentrum, für Pendlerinnen und Pendler oder als touristisches Coworking. Man fährt in einen Ort, um dort vormittags zu arbeiten und genießt nachmittags die schöne Umgebung“, erklärt Kay Schmölter. Auch eine gute Internetverbindung und die Lage spielen eine wichtige Rolle. Ein Coworking-Space muss gut erreichbar sein, im Zentrum des Ortes oder in der Nähe eines Bahnhofes liegen und nicht in einem Gewerbegebiet oder irgendwo in der Peripherie. Eine Ausnahme bilden die touristischen Coworking- Spaces. Außerdem muss es jemanden geben, der das Projekt betreut, also einen Community-Manager, der die Menschen zusammenbringt und ihnen erklärt, was gerade passiert oder geplant ist. Zudem sollte die Gestaltung der Räume nicht vernachlässigt werden. „Wenn man nur einen Bürokomplex schafft, sind Menschen, die zum ersten Mal gemeinsames Arbeiten ausprobieren, sofort wieder weg, weil sie sagen: ‚Das habe ich auch bei mir im Büro.‘ Ein Coworking-Space lebt von einer offenen Atmosphäre. Es muss ein Ort sein, der inspiriert und wo viele Dinge passieren“, so Kay Schmölter. Und es braucht eine Gemeinschaft, weil ein Coworking-Space weit mehr ist als nur ein Ort zum Arbeiten. In der Stadt nutzen vor allem Freischaffende, Selbstständige und Start-ups solche Angebote; auf dem Land wird eine viel breitere Bevölkerungsschicht angesprochen. Darunter auch ältere Menschen und Handwerker, die einen Raum brauchen, um eine Rechnung oder ein Angebot zu schreiben.

„Man kann nicht einfach in ein Dorf gehen, einen Coworking-Space aufbauen und hoffen, dass es läuft. Man darf da nicht als Ufo irgendwo landen.“

Kay Schmölter

Coworking wird nun getestet

Als CoLabora vor vier Jahren startete, war Coworking in der Region Leipziger Muldenland noch völlig unbekannt. Mit Ausstellungen und Veranstaltungen wurde zunächst darüber informiert, was sich dahinter verbirgt und welche Vorteile ländliches Coworking bietet. In Zusammenarbeit mit Architekturstudierenden der TU Dresden entwickelte die LAG Leipziger Muldenland e.V. Konzepte für leerstehende Gebäude in kleinen Städten und Dörfern. Denn es geht auch darum, ihren historischen Charakter zu bewahren und ein Stück regionaler Geschichte zu erhalten. Die Kommunen konnten mit den Konzepten Fördergelder beantragen, um die Gebäude zu sanieren. Von April bis Ende September 2022 wird nun an sieben Standorten im Leipziger Muldenland getestet, ob Coworking tatsächlich funktioniert. Für kurze Zeit zieht nicht nur in Röcknitz, sondern zum Beispiel auch in das Kulturhaus in Beucha und das Pfarrhaus in Colditz wieder neues Leben ein.

Im Inneren eines alten Gebäudes sind Stellwände mit Textpostern aufgestellt. Daneben ist ein kleines Architektenmodell eines Hauses platziert.
Ein neuer Coworking-Space muss gut geplant sein – und nicht jedes leerstehende Gebäude ist geeignet. Im Leipziger Muldenland wurden die Konzepte gemeinsam mit Architekturstudierenden entwickelt. © LAG Leipziger Muldenland

Neues Leben in alten Mauern

Das Leipziger Muldenland ist eine Region, die von der Mulde geprägt wird, einem Fluss, der jahrhundertelang ein wichtiger Wirtschaftsfaktor war. Viele Schlösser, Rittergüter, Herrenhäuser, Fabrikgebäude und alte Kornspeicher zeugen von dieser Vergangenheit – heute stehen sie meist leer. Coworking kann eine Möglichkeit sein, die Gebäude wieder zu nutzen. Doch nicht jedes eignet sich dafür. „Eine alte Fabrik kann nicht komplett für gemeinsames Arbeiten genutzt werden, sondern nur in Verbindung mit anderen Nutzungen, die für den Ort oder die Region relevant sind. Das kann ein Café sein, eine Poststelle oder ein Veranstaltungsraum für Vereine“, so Kay Schmölter. Die Bereitschaft und der Wille, die alten Gebäude nicht weiter verfallen zu lassen, sind groß und viele Menschen freuen sich, dass endlich etwas passiert. Doch sie wollen auch ihre Ideen einbringen. „Start-ups brauchen wir hier nicht. Aber einen Raum für Bälle und kulturelle Veranstaltungen, eine Gemeinschaftsküche für das Dorf oder ein kleines Kino“, hört Kay Schmölter immer wieder.

Über Grenzen hinweg austauschen

Wie das Leipziger Muldenland haben auch andere Regionen in Europa mit Leerstand, Abwanderung und Überalterung zu tun. Außerdem fehlen Fachkräfte, weil junge Leute fürs Studium oder die Ausbildung wegziehen und meist nicht zurückkommen. Durch CoLabora und den Austausch über Grenzen hinweg sind viele neue Ideen entstanden, die vor Ort in die Beratung einfließen können. Kay Schmölter nennt zwei Beispiele: „In Irland verbinden sie Coworking mit sozialen Einrichtungen, mit ‚community centern‘, die sich um die Kinderbetreuung kümmern oder die Pflege älterer Menschen. Auch der Treff der Anonymen Alkoholiker ist eingebunden, Vereine und Jugendgruppen können sich dort engagieren. In Katalonien funktionieren Coworking-Spaces selbst in ganz kleinen Ortschaften mit nur 100 Einwohnerinnen und Einwohnern. Das hat uns sehr beeindruckt.“ Jede Region hat zwar ihre eigene Kultur und geht anders an das Thema heran, aber von anderen Sichtweisen lässt sich durchaus profitieren. „Um am Ende nicht in einer Sackgasse zu landen“, so Schmölter.


Hier erfahren Sie mehr über CoLabora. Hier geht es direkt zum Leitfaden.

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