Interview mit Bürgermeister John Ehret über Digitalisierung - Digitales Bürgernetz

Bürgermeister John Ehret: „In Neubaugebieten fragt man heute nach der Bandbreite“

#Gemeinschaft 21. April 2022

Luftaufnahme der Gemeinde Mauer im Kraichgau. Die Universitätsstadt Heidelberg ist nicht weit entfernt. Mauer hat ca. 4.100 Einwohnerinnen und Einwohner. © Gemeinde Mauer

Herr Ehret, Sie sind seit rund zehn Jahren Bürgermeister von Mauer. Was ist ihr wichtigstes Projekt im Bereich Digitalisierung? 

Wir beschäftigen uns in Mauer seit Jahren mit dem Ausbau der digitalen Infrastruktur; flächendeckend Glasfaser anzubieten, ist das Ziel. Ich bin überzeugt, dass wir hier FTTH brauchen, um als Wohnort attraktiv zu bleiben. Bei uns wohnen zum Beispiel Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Softwarekonzerns SAP, der hier in der Nähe seine Zentrale hat. Die sagen: ‚1 Mbit? Das geht nicht.‘ Über Jahre haben wir bereits mit Anbietern verhandelt, oft darüber, in welcher Höhe sich die Gemeinde an den Kosten beteiligt. Ein guter Schachzug war wohl, dass wir auf Kreisebene mittlerweile einen Zweckverband mit allen 54 Gemeinden gegründet haben, um zumindest die wichtigen Knotenpunkte selbst auszubauen. Danach wurden wir von Angeboten fast überrannt und haben jetzt einen Kooperationsvertrag zum eigenwirtschaftlichen Ausbau der innerörtlichen Glasfaserstruktur mit „Deutsche Glasfaser“ abgeschlossen.

 

Welche Angebote in Ihrer Gemeinde haben Sie in den letzten Jahren digitalisiert?

Wir versenden einen digitalen Newsletter, weil wir erkannt haben, dass die jungen Leute die Amtsblatt-Mitteilungen so nicht nutzen. In der Schule haben wir außerdem eine WLAN-Struktur aufgebaut. Das sind die beiden wichtigsten Projekte.

 

Sie sagten, dass Bürgerinnen und Bürger auf Sie zugekommen sind, weil sie sich zuhause schnelles Internet wünschen. Wie sieht das mit den Unternehmen aus?

Das war die zweite Gruppe, die auf mich zugekommen ist. Es gibt natürlich nach wie vor Handwerksbetriebe, die das schnelle Internet in dem Umfang nicht brauchen. Das sieht aber zum Beispiel bei Konstruktionsfirmen anders aus, die mit CAD, also computerunterstütztem Design, arbeiten. Manche Betriebe haben fürs Erste auch individuelle Lösungen gefunden, buchen etwa zwei Anschlüsse, um ihre benötigte Bandbreite zu erreichen – würden aber ganz klar von einem Glasfaseranschluss profitieren.

Wir wollen, dass die Verarbeitungsprozesse in der Verwaltung komplett digital ablaufen.

John Ehret

Was hat sich durch die Pandemie bei Ihnen geändert?

Wie anderswo auch: Videotelefonate sind in der Verwaltung mittlerweile üblich geworden. Das ist sehr effizient, wenn man sich daran gewöhnt hat und die Funkdisziplin einhält. Dinge wie die Corona-Warnapp haben viele Bürgerinnen und Bürger positiv beeinflusst, ihnen die Möglichkeiten der Digitalisierung aufgezeigt. In der Verwaltung ist das hingegen nicht immer so einfach. Als kleine Gemeinde sind wir zum Beispiel an unsere Wartungsverträge mit Rechenzentren gebunden, und eine Verwaltungsleistung wirklich digital abzuwickeln, kostet Schweiß und Kraft. Die Politik hat mit dem Onlinezugangsgesetz aber einiges auf den Weg gebracht, auch wenn es in der Realität noch hakt. 

 

Ganz konkret: Was bedeutet digitale Verwaltung für Sie?

Wir wollen dahin kommen, dass die Verarbeitungsprozesse komplett digital ablaufen. Nehmen wir das Beispiel Hundesteuer: Wenn sich jemand einen Hund anschafft, soll er nicht eine E-Mail schreiben, einen Steuerbescheid per Post bekommen und dann den SEPA-Bescheid ausfüllen. Sondern all das soll digital passieren: Die Eingabe erfolgt über eine Maske, der Bescheid kommt digital, und das Bezahlen erfolgt auch digital. Die Verwaltung hat die Liste der Hundebesitzer dann nicht in einem Ordner abgeheftet, sondern hat diese Daten direkt im System. Der Mitarbeiter kann, wenn ein Hund mit Marke gefunden wird, dort recherchieren, wem der Hund gehört, und über das System idealerweise auch direkt eine Nachricht versenden: Bitte holen Sie Ihren Hund ab.

Porträtfoto von John Ehret
John Ehret ist seit 2012 Bürgermeister der Gemeinde Mauer. © Gemeinde Mauer

Wer kümmert sich bei Ihnen in der Gemeinde um die Digitalisierung?

In kleinen Kommunen ist der Bürgermeister Ansprechpartner für viele Dinge, von der Wirtschaftsförderung bis hin zum Bürgerdialog. Die Menschen schreiben mir eine E-Mail und erwarten eine schnelle Antwort. Das ist bei der Digitalisierung nicht anders. Aufgaben im Rahmen des Onlinezugangsgesetzes, etwa das Onlinestellen von Formularen, sind hingegen eher eine Querschnittsaufgabe. Da befasst sich das Ordnungsamt genauso damit wie das Bauamt. Eine schriftlich fixierte Digitalisierungsstrategie in dem Sinne haben wir nicht, aber die wichtigen Schritte besprechen wir im Gemeinderat; allein schon deshalb, weil es häufig um Geld geht.

Sie sagten vorhin, dass die Digitalisierung der Schule ein wichtiges Projekt in Mauer ist. Was machen Sie da konkret?

Derzeit geht es vor allem um den Medienentwicklungsplan und die Frage, mit welchen digitalen Medien wir die Schule noch besser ausstatten, Monitore mit Touchscreen, Klassensätze an Tablets, Dokumentenkameras und anderes. Das ist sogar losgelöst von Homeschooling und den Entwicklungen in der Pandemie. Ziel ist, dass die Schülerinnen und Schüler dadurch eine gewisse Medienkompetenz aufbauen, besser mit den digitalen Möglichkeiten umgehen und Handynutzung nicht auf Social Media reduzieren. Das ist wichtig, denn in ihrem Berufsleben wird die heutige Schülergeneration sehr viel mit Digitalisierung zu tun haben, egal, wo jemand arbeitet.

Inwieweit nutzen Sie digitale Kanäle zur Kommunikation mit den Bürgerinnen und Bürgern? 

Unsere Website wird gut nachgefragt, verknüpft zurzeit aber fast zu viele Informationen. Daher haben wir einen Relaunch beauftragt. Noch 2022 soll das neue Bürgerportal mit der Einbindung digitaler Angebote der Verwaltung online gehen, das Budget dafür haben wir bereitgestellt. Als Bürgermeister, also als Privatperson, nutze ich außerdem Facebook und Instagram, um zum Beispiel Fotos zu posten. Die Gemeinde Mauer hat diese Kanäle nicht. Wir haben uns auch gegen eine Bürger-App entschieden: Ob die sinnvoll ist, hängt von der Größe der Gemeinde ab, und man muss vorab genau Ziel und Inhalt des Angebots definieren, ob man etwa die Einwohnerinnen informieren oder Touristen erreichen möchte. 

 

Wenn Sie in die Zukunft schauen – was ist Ihre digitale Vision für Mauer?

Auch in der Verwaltung wird die Work-Life-Balance immer wichtiger. Ich kann mir vorstellen, dass es bei zunehmend digitalisierten Prozessen da auch zunehmend Richtung Homeoffice für die Angestellten geht. Für Mauer wünsche ich mir als Bürgermeister, dass wir bald Glasfaser bis in jedes Haus, also FTTH, haben. Ob Fernseher oder Sprachassistenten, Tablet, Smartphone oder Laptop: Die meisten haben mehr als ein Endgerät, in den Familien multipliziert sich das noch. Dazu kommen Smart-Home-Anwendungen, selbst die Kaffeemaschine könnte künftig vernetzt sein. Dafür braucht es einfach die nötige Infrastruktur. Wir spüren, dass das für die Bürgerinnen und Bürger immer wichtiger wird. Bei Neubaugebieten wurde früher gefragt, was der Kubikmeter Wasser kostet. Heute fragt man nach der Bandbreite.

 

Zur Person 

John Ehret ist seit 2012 Bürgermeister der Gemeinde Mauer mit 4.100 Einwohnerinnen und Einwohnern. Mauer liegt im Kraichgau, die Gemeinde zählt zum Rhein-Neckar-Kreis, die Universitätsstadt Heidelberg ist rund 17 Kilometer entfernt. Bevor er als Bürgermeister kandidierte, arbeitete John Ehret beim Bundeskriminalamt. Er war unter anderem im Bereich Staatsschutz und im Rahmen der internationalen Polizeiarbeit tätig.

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